Presseberichte
Die Gesellschaft
zerfasert
Dr. Stephan Holthaus im
HNA-Interview über Wertekrisen und
ZukunftschancenVon Belinda Helm 22.10.08
KORBACH. Über
„Werte - Was Deutschland wirklich
braucht“ wird Dr. Stephan Holthaus
morgen, Donnerstag, ab 19.30 Uhr in der
Korbacher Stadthalle referieren. Danach
findet eine Diskussion mit Vertretern
aus Wirtschaft, Politik, Schule, Kirche
und Jugend statt. Wir sprachen im
Vorfeld mit dem Dekan der Freien
Theologischen Akademie in Gießen über
unverzichtbare Werte, Wertekrise und
Religion.
In Ihrem Buch
schreiben Sie: „Alte „Tugenden sind
offensichtlich out. Die Wertekrise ist
mit Händen zu greifen. Die moralischen
Grundlagen haben sich verschoben.“
Hat Deutschland überhaupt noch ein
funktionierendes Wertesystem?
Stephan Holthaus:
Viele Experten sprechen heute von einer
Wertekrise. Aktuelle Bespiele gibt es
genug: Die Gier an den Aktienmärkten,
der Missbrauch von Kindern oder Rücksichtslosigkeit
im Alltagsleben. Damit ist aber nicht
gemeint, dass wir Deutsche keine Werte
mehr haben. Das stimmt nicht. Kein
Mensch kann ohne Werte leben. Das
Problem ist vielmehr, dass wir kaum
noch gemeinsame Werte haben.
Was bedeutet das
für die Zukunft?
Holthaus: Jeder
lebt nach seinen eigenen Vorstellungen
und Lebensentwürfen. Das kann aber
langfristig nicht gut gehen. Denn jede
soziale Gemeinschaft braucht ein
Minimum an verbindlichen Normen, die für
alle gelten. Und hier haben wir
vermehrt Probleme. Deshalb driftet
unsere Gesellschaft auseinander, sie
zerfasert quasi von den Rändern her.
Was sind Ihrer
Meinung nach denn unverzichtbare Werte?
Holthaus: Zunächst
muss man unterschieden zwischen Werte
und Moral. Werte sind grundlegende Überzeugungen
des Menschen. Sie sind quasi das
Fundament für mein moralisches
Handeln. Moral ist die darauf
aufbauende Regel des Lebens, die ich in
der Praxis anwende. Moral ist oftmals
leider pervertiert durch meine Umwelt.
Können Sie ein
konkretes Beispiel nennen?
Holthaus: Die
Nazis empfanden beim Holocaust ihr
Handeln moralisch, weil sie meinten,
Deutschland damit etwas Gutes zu tun.
Aber hätten sie ihr scheinbar
moralisches Handeln nach ewiggültigen
Werten ausgerichtet, wäre es nie dazu
gekommen.
Konkret also:
Werte sind mehr als nur Sauberkeit, Pünktlichkeit
oder Pflichtbewusstsein. Das bringt uns
nicht weiter. Echte Werte sind Überzeugungen
wie Freiheit, Menschenwürde,
Unantastbarkeit (Heiligkeit) des
Lebens. Sie sind nicht subjektive
Launen von einzelnen Menschen, sondern
Grundkonstanten unserer Gesellschaft.
Darauf können wir auf keinen Fall
verzichten. Solche Werte müssen
verbindlich sein.
Sie sprechen von
nichtchristlichen Beliebigkeitswerten.
Was kann man sich darunter vorstellen?
Holthaus: Der
christliche Glaube hat unseren
Kulturraum sehr stark geprägt, ob man
das gut findet oder nicht. Bis in
unsere Gesetzgebung hinein finden wir
heute noch die Prinzipien der zehn
Gebote. Mit der zunemenden
Entkirchlichung ist der christliche
Wertekonsens allerdings auf dem Rückmarsch.
Das ist eine der Hauptgründe für die
Beliebigkeit von Werten. Eine
Alternative für einen festen
Wertekanon waren die Ideologien des 20.
Jahrhunderts, die aber alle gescheitert
sind.
Kann man denn
von Nichtchristen verlangen, dass sie
sich an christlichen Werten
orientieren?
Holthaus: Die
Werte von Christen und Nichtchristen können
gleich sein. Manchmal gibt es aber auch
fundamentale Unterschiede. Ein Christ
wird den Schutz des menschlichen Lebens
stark betonen, andere sehen das
liberaler. Aber natürlich sind
Christen davon überzeugt, dass ihre
christlichen Werte nicht nur für sie
gut sind, sondern für alle Menschen,
egal, was sie von Religion halten oder
nicht. Das ist ja völlig legitim.
Aufzwingen kann man Werte aber
niemanden.
Gibt es einen
Weg aus der von Ihnen beschriebenen
Wertekrise?
Holthaus: Ich
glaube schon. Wir müssen zunächst mal
wieder über Werte nachdenken. Die Präventionswoche
in Korbach ist dafür ein gutes
Beispiel. Die Probleme unserer Welt lösen
sich nicht von alleine Es geht um mehr
als um das Kratzen an der Oberfläche.
Wir müssen an die Wurzeln heran. Die
Menschen von heute brauchen nicht nur
Geld, sondern vor allem geistige
Orientierung. Und dann sind wir mitten
in der Wertefrage.
Wenn es uns
gelingt, in Deutschland gemeinsam zu
formulieren, was uns wirklich wichtig
ist, entsteht wieder Solidarität und
ein Gemeinschaftsbewusstsein, die unser
Leben leichter machen. Dazu brauchen
wir gemeinsame Werte. Und nur mit denen
haben wir eine echte Zukunft in unserem
Land.


Quelle: HNA (Wal), 22.10.08, S. 13.
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